1)
Wenn
einer HULSK heißt, kann man sich nichts darunter vorstellen. HULSK
könnte allerdings ENGLISCH sein. Aber selbst das hilft einem nicht viel
weiter. Was wäre also zu tun?!
Ich habe keine
Ahnung, denn ich schreibe einen Roman, und den schreibe ich nun, und
dann wollen die Leute wissen, was ich schreibe.
Und dann kommt meine Antwort: HULSK.
Nun sehe ich, wie die Leute den Kopf schütteln und denken, wie soll so
einer HULSK schreiben? Er hat doch nichts im Hirn, und seine Finger
sind auch seltsam.
Wenn ich dann den Mund aufmache, dann sagen die Leute: „Hey, warum macht so einer den Mund auf?!“
Ich
finde das schrecklich, wie mich die Leute behandeln. Ich finde es auch
schrecklich, wie mich die Leute ansehen. Sie gucken, als wäre ich nicht
von dieser, aber auch von keiner anderen Welt.
Ich würde also auch als UFO nirgends durchgehen. Mittlerweile frage ich
mich aber, ob ein UFO überhaupt ein Mensch sein kann. Denn dann müsste
ja der Mensch fliegen und aussehen wie ein Raumschiff. Und dann wäre
der Mensch ein UFO. Aber das gibt es nicht. Gibt es überhaupt UFOs?
Auch diese Frage kann niemand beantworten. Niemand anders als ich kann
diese Frage beantworten. Aber ich bin ein Mensch, der keiner ist, ein
UFO, das es nicht gibt ... und die Leute schauen mich doch sehr komisch
an.
Und das nur, weil ich einen Roman beginne,
der den Namen HULSK erhält. Und niemand weiß, was es soll. Das Schöne
ist ja, dass ich als Autor auch nicht weiß, was es soll.Vielleicht
wollte ich meine Fremdheit mit der Welt, oder die Fremdheit der Welt
mit mir, endlich einmal zu Papier bringen. Das ergibt sich dann aus dem
Dreiklang Welt, Fremdheit und ich. Und so kam ich auf HULSK.
2) Ein
seltsamer Vogel war dieser Hund namens HULSK ja schon. Er schrieb,
dachte an eine von ihm herbeigeschriebene ELWINA, und doch hatten die
Worte, die wir jetzt lesen, qua Innerlichkeit, eigentlich nichts oder
wenig mit ELWINA zu tun. ELWINA war ein Objekt des Schreibens, und sie
wurde durch das Schreiben permanent verdinglicht. Das Schreiben des
Romans HULSK hatte also letztlich und – mal ganz streng genommen – für
den schreibenden HULSK nichts mit der Haare um sich werfenden ELWINA zu
tun.
Da er (HULSK) aber einen Roman zu schreiben
hatte (warum eigentlich?) ... und neben sich selbst noch eine weitere
Person einführen wollte, damit der Roman zwei Zentren habe bzw. bekomme
... und weil er unbedingt glaubte, anders würde er nie so viele Worte
zusammenkriegen ... da also kam HULSK auf die ELWINA, genauer: auf die
Idee der Einführung der Person und Frau jüngeren Alters namens ELWINA,
allerdings ohne zu ahnen, dass die ELWINA nicht nur sowieso schon
existierte, sondern auch Abend für Abend an seinem Fenster hockte und
seinem computeralen Schreiben lauschte.
Meist hockte sie ganz
tief, unterhalb des Rahmens, denn sie wollte nicht gesehen werden. Dann
aber schob sie immer wieder ihren Schopf mit den langen Haaren hoch, um
HULSK ihrerseits besser sehen zu können. Es war also unvermeidlich,
dass ihr Kopf nach oben ging und im Prinzip sichtbar wurde.
Auf diese Weise konnte sie aber immer nur kurze Momente von HULSK
einfangen; das wusste ELWINA auch. Zugleich bestand die Gefahr, immer
dann gesehen zu werden, wenn sie oberhalb des Fensterrahmens in der
Öffnung auftauchte. Und da sagte sie sich: Ich werde jetzt mutiger, und
dann stelle ich mich offener hin, besser, deutlicher, aufrechter –
allerdings für die Sicherheit auch irgendwo in den Schatten.
Das tat sie dann. Der Schatten sagte ihr zu. Außerdem musste sie nicht
hocken, was ihren Kniegelenken gar nicht gut tat. Bald darauf stellte
sie sich auch nicht mehr einfach hin, sondern sie kletterte sogar auf
den Baum, der da stand, es war ein Ahorn, und dann konnte sie von dem
Ahorn heruntergucken, auf HULSK, den Romanschreiber. Woher wusste
ELWINA überhaupt, dass HULSK schrieb? – Dazu hatte sie uns leider
nichts gesagt.
3) HULSK fühlte sich jetzt wieder wie ein KREATOR, als Herr über alle Dinge, und alles das.
Aber er war nun verunsichert worden, durch diese sprachliche Eingabe
von ELWINA, und dachte, er müsse sich wohl besser anders entscheiden.
Vielleicht war ein Dialog wirklich ziemlich blöd, an dieser Stelle, in
diesem Roman. Und diese Idee mit den Zitaten von Schriftstellern und
Schriftstellerinnen, die klang ja ganz gut, aber die war auch ein
bisschen abgedroschen. Also überlegte er sich etwas anderes. Er dachte
daran, dass er noch die Wörter würde zählen müssen, und dass er zu
diesem Zweck ja seine Zählpumpe am Arm hatte.
Er
drückte mal eben auf den Knopf, und dann wurde ihm gesagt, nein, auch
zusätzlich angezeigt, gesagt ... aber von einer Computerstimme, dass er
immerhin schon über 400.000 Worte gesprochen hatte, die eigentlich aber
nur Wörter seien, weil viele Worte nicht zusammenpassten, und deshalb
wären sie mehr Wörter als Worte. Diese Worte-Wörter-Debatte wollte
HULSK in seinem Roman aber ganz und gar nicht beginnen.
Er entsann sich, dass er noch kurz zuvor, als ELWINA in sein Zimmer
gestiegen war, ein Gedicht gelesen hatte. Das war in einem Forum zum
Wortzählprojekt gewesen, an dem er ja beteiligt war, und dessen
eigentliche Aufgabe war, dass viele Autoren und Autorinnen viele Worte
schrieben (oder doch Wörter?), damit alles sich füge.
Was sich aber fügen solle, das hatte ihm niemand gesagt. Er wusste
aber, dass sich irgendetwas fügen würde, wenn mehr Menschen mehr Worte
zusammenbauten, und dann ganze Texte entstünden, die die Welt in neue
Unruhe versetzten. Vielleicht war es in letzter Zeit einfach nur zu
ruhig gewesen. Vielleicht musste die Welt viel mehr über alles
nachdenken. Und vielleicht mussten viel mehr neue Gedanken gedacht
werden. Und vielleicht mussten diese sich dann in Worte und Wörter
kleiden und hernach ausgestoßen sein, bis die Welt errettet wäre. Dann
bliebe noch die Frage, wovon die Welt errettet werden würde. Aber dazu
wollte er nun nichts sagen, schon gar nicht schreiben.
Wegen dieser Dinge also war er wie zwanghaft auch in dem Forum zum
Thema Wortzählen gewesen. Und dann hatte einer, den HULSK mal selber
geschaffen hatte, ein Autor namens KLAUSENS = KLAU/S/ENS, oder wie
viele Erscheinungen der hatte, ein Gedicht geschrieben, wo es genau ums
Schreiben ging, und warum man es tut, und er hatte sich da auch mit dem
großen widerwärtigen Diktator des Jahrhunderts befasst, und dieses
Gedicht wollte er nun nehmen, um den Zaun zu öffnen. Ein
Zaunöffnergedicht also.
4)HULSK
wollte jetzt wieder protestieren, er wusste aber nicht, ob er in seinem
Roman dann protestieren würde, oder in der Realität. Die Dinge
drifteten auseinander und verwirrten ihn. HULSK dachte, man müsste den
Menschen immer sagen: „Halt, jetzt bist du in einem Roman!“ ... und
dann wieder: „Halt, jetzt bist du in der Wirklichkeit!“ Ein Roman im
Roman. Und wenn man von einem zum anderen sprach, hatte der aber nichts
mit der klassischen Wirklichkeit zu tun. Daran hatten sich wiederum
schon sehr viele Menschen sinnlos abgearbeitet: An dieser Wirklichkeit,
die keine Wirklichkeit war – beziehungsweise ja doch!
HULSK
wollte jetzt weiter philosophieren und hätte sich jetzt gerne mal das
Werk eines guten SCIENCE-FICTION-Autors irgendwohin gebeamt, für zwei
Tage, mit der dauerhaften Option zur Verlängerung, um mal zu lesen, wie
andere Autoren darüber 'rumspinnen. Aber das war leider nicht möglich,
überhaupt nicht möglich, weil das Beamen ein Ende hatte und die
gebeamten Texte überall nach und nach erloschen. Es konnte sich nur
noch um Stunden handeln. – Dann war es in GUMBORS stockdunkel.
Wieso dachte er so viel? Wieso genau das? Er stand hier mit seiner
ELWINA und guckte in eine riesige Lagerhalle voller gebeamter Bücher,
die in riesige Worte zerstückelt worden waren, sodass diese Halle ein
Wortlager schien. Ein Wortwörterlager.
„Konnte ein Wortlager
vielleicht zugleich auch ein Arbeitslager sein?“ Das fragte sich
ELWINA. Aber sie fand keine Antwort. Wenn doch bloß das Zusammentreffen
mit ihrem Vater nicht so komisch gewesen wäre. HULSK wusste ja nicht,
das es nicht ihr leiblicher Vater war, denn Wortarbeiter hatten keine
eigenen Kinder. Sie bekamen diese Kinder zugewiesen. Wortarbeiter
konnten eigentlich auch keine Sprache sprechen, für die sie jeweils
Bücher machten.
Genau da aber war ihr Vater eine
Ausnahme – ihre Mutter übrigens auch. Beide waren eigentlich als
„Stumme“ in die Fabrik gekommen, irgendwie medizinisch Stumme, von
Geburt an, aber doch hörend, nicht taubstumm – und beide konnten nun
doch die Sprache der Bücher, die sie herstellten. ELWINA sagte: „Daran
hätte ich früher denken können.“
HULSK schaute
sie etwas von der Seite an und dachte sich: „Warum erzählt die nicht,
was sie vorher gedacht hat. Ich schreibe das Buch, in dem sie spielt. –
Aber sie hat eigene Gedanken, die ich nicht kenne, und die ich auch
nicht geschrieben habe.“ Das also dachte sich HULSK, aber ELWINA dachte
daran, dass ihre Eltern GUMBISCH sprechen konnten, aber niemals etwas
davon erzählt hatten. Zuhause hatten sie immer GUMBISCH gesprochen, als
sei es ganz normal. Dabei war es ja gar nicht normal, sondern höchst
verdächtig. (Auch die 14 Streikenden konnten ja sprechen.)
5) ELWINA
merkte, dass sie seinen Anspruch, der SCHREIBER dessen zu sein, was
gerade passierte, nicht anerkannte. Sie wurde sich gewahr, dass sie
sogar offen rebellierte und sich sogar so aktiv in alles einmischte,
dass es ihre Beziehung zu HULSK, die erst einige Stunden alt und somit
fragil war, nachhaltig würde gefährden können. Zugleich aber wurden
ihre Wortwechsel immer mehr so, als seien sie ein Ehepaar, das schon
ewig Dinge besprochen hatte, sich zu gut kannte und zu einer Art
verschworenen Gemeinschaft verwachsen war. Also genau das, was sie,
ELWINA, immer schon wollte. Genau das.
HULSK
musste gleichzeitig zugeben, dass er sich ärgerte, wie sie in seinen
Roman pfuschte und dann noch willkürlich eine Textstelle von oben
runtergezogen hatte, sodass diese doppelt in seinem Roman auftauchte.
Aber auch ihm gefiel diese Vertrautheit, die da entstanden war. Eine
echte und tiefe und schöne Vertrautheit. Was war nun zu tun?
HULSK sagte: „Ich mache dir einen Vorschlag: Wir lassen den
runtergezogenen Text einfach stehen und machen aber trotzdem hier
weiter, wo wir sind: in der leeren Fabrik beziehungsweise noch draußen
vor der leeren Fabrik, allerdings schon auf dem Gelände.“
„ Du meinst, wir sollten nun eine Türe suchen?“
„Es muss keine Türe sein, aber wir wollen ja Menschen finden, zehn vielleicht, und dann noch deine Mutter.“
Sie
gingen eine lange Asphaltstraße hoch. Da standen zwei Fahrräder einfach
so herum. Sie waren offenbar mit einem Sender ausgerüstet. HULSK und
ELWINA setzten sich nun auf diese Fahrräder und wollten alles erkunden.
Die Fahrräder fuhren allerdings von alleine. Sie taten zwar etwas mit
den Beinen, unsere zwei Protegeten des Romans, hatten aber auch das
Gefühl, dass sich die Pedalen von selber drehten. ELWINA drehte zudem
an ihrem Peiler, aber es tat sich nichts.
Nun, wo
sie so fuhren, fühlten sich beide wie in einem BOND-Film. HULSK sagte
es auch: „Die werden uns auf den Fahrrädern in die Zentrale der Macht
fahren lassen. Und da wird dann ...“ Er beendete den Satz nicht. Er war
also jetzt doch wieder bei den BÖSEn angekommen, die irgendwo saßen und
ELWINA und HULSK als Hauptgegner identifiziert hatten. Diese BÖSEn
(oder auch „das BÖSE“) würden sie beide ausschalten oder das zumindest
versuchen, und dann gab es Mordversuche und Explosionen. Genau so würde
es werden. Das war natürlich ziemlich langweilig und auch phantasielos.
– Aber die Phantasie hatte ihre Grenzen. Und die Menschen ja auch ...
in dem, was sie verarbeiten können, und in dem, was sie nicht
verarbeiten können.
Die Fahrräder also fuhren wie
von allein, sie beide aber saßen drauf ... und wussten nicht, ob die
Lenkbewegungen von ihnen kamen – oder von einer fremden Macht, die
diese Fahrräder steuerte. Eben „dem BÖSEn“. (War es einer? Waren es
viele? War es eine Frau?) So funktionierte das ja auch bei so
Space-Geschichten. Wenn es um Raumschiffe ging, fremde Planeten,
Bedrohungen ... Irgendwann kamen die Helden dann in die Zentrale des
Feindes, die eine Zentrale des BÖSEn war, tja, und dann ...
HULSK
hielt inne, weil er überlegte, ob er jetzt die Fahrräder geschrieben
hatte, oder jemand anders. Er sagte es aber nicht, um so vor ELWINA
nicht sinnlos in Scham zu versinken. Weil sie aber fuhren,
nebeneinander, konnte ELWINA sein Gesicht nicht dauerhaft beobachten,
was er gut fand. Bei ihm war das ständige Problem, dass er einerseits
den Roman schrieb, und zugleich selber in dem Roman spielte – und dann
gab es ja noch jemanden, der die Seiten schrieb, die nachher gelesen
werden würden. Es war also die Frage, ob es hinter dem „HULSK schreibt
HULSK“ noch einen SCHREIBER oder gar eine SCHREIBERIN gab.
Und ELWINA hätte eingeworfen: „Es bleibt ja auch die Frage, ob du,
HULSK, wirklich den Roman schreibst.“ Und hier auf den Fahrrädern, die
mit ihnen nun lange, lange über weite Asphaltstraßen durch ein offenbar
riesiges Fabrikgelände fuhren, kam genau das in den Sinn und aus dem
Sinn. HULSK meinte aber, man solle sich doch jetzt unterhalten, wenn
man in die Zentrale des BÖSEn fuhr bzw. gefahren wurde. (Bei JAMES BOND
gab es dann immer Witze, als wäre die Situation gar nicht bedrohlich,
als wäre alles nur ein Spiel.) Und als SCHREIBER des Romans fand HULSK
das gut: „Ja, etwas Spaß war doch schön. Das Leben war doch sinnlos
genug.“