Klau|s|ens STASI-DEBATTEN-BEITRAG

 

RELATIVIERUNGSTHEORIEN

 

Doch, irgendwie schon.

 

... und nun, aus heutiger Sicht?

 

Ja, jetzt, jetzt tut

es mir natürlich leid.

 

... ach, ja ...?

 

Nun, ja, im Nachhinein,

wissen Sie, das ...

 

... war nicht so ...?

 

Doch, doch, aber wir

konnten es einfach nicht

wissen.

 

... und deshalb ...?

 

Ich würde es vielleicht nicht

wieder so machen.

 

... vielleicht ...?

 

Ja, klar, nachher werde

ich sagen, dass wir das

damals ganz anders ge-

sehen haben - und so et-

was versteht aus der

Distanz später

jeder. Und das bedeutet,

dass ... in Zukunft ...

 

... nein: jetzt, das

will ich genauer wissen:

Stimmt es, dass es lediglich eine

ganz raffinierte Taktik war...?..

Nicht unbedingt, ja, vielleicht,

aber das machten doch viele,

um nicht zu sagen:

fast alle - das ist

menschlich, und nicht selten

hat es auch Erfolg, verstehen

Sie. Wir sind alle nur Menschen.

 

... ich verstehe, ja, das

konnten Sie damals gar nicht

anders sehen, ich ... kann es

durchaus nachvollziehen.

 

Versuchen sollten Sie es.

 

Ich glaube, ich verstehe.

 

Dankeschön. So nachsichtig

habe ich unser letztes Gespräch

gar nicht in Erinnerung.

Aber wenn Sie meinen ...

 

Was? dass es hätte es

anders kommen können?

 

Nein, mit unserem Gespräch,

sagen wir eher, Diskurs.

 

Ganz im Gegenteil ... ich habe zu danken ...

 

Wofür?

 

... weil ich nun weiß,

dass "im Nachhinein" immer etwas

ganz anderes ist, und man

deshalb im Vorhinein

praktisch alles tuen kann.

Oder: Die Relativierung

danach macht das

Zuvor als Beliebiges erst

möglich. Eine philosophische Verknüpfung

eo ipso.

 

Sie reden, wie ein Mann der Kirche.

 

Und wenn schon!

 

Sie meinen, weil ich ...?

 

Ja!

 

... ach, so habe ich es noch

gar nicht gesehen ... immerhin ...

 

Aber Sie hätten es wissen können.

 

... das sagen Sie so leicht.

Damals ...

 

Was war damals?

 

Also, sie werden vielleicht

verstehen, dass ...

 

Sie meinen, aus heutiger Sicht ...

 

Aber, ja, das ist doch meine Rede.

 

Dann handeln Sie doch! Tun Sie etwas!

Sprechen Sie!

 

Das mache ich ja!

 

Wann?

 

Jederzeit, auch jetzt!

 

... aus damaliger Sicht ...?

 

Ach, lassen Sie doch die Wortklauberei,

das ist doch letztendlich egal.

 

Wieso?

 

Was geschehen ist, ist nun mal geschehen.

Leider. Aber dennoch.

 

Wieso?

 

Wieso? Weil ich das mache, was

mir Spaß macht. Punkt! Da muß

ich mir kein Büßerhemd überstreifen.

 

Und was ist das?

 

Das Büßerhemd?

Nein, was Sie innerlich erfüllt,

Ihnen Freude macht?

 

 

Eine kluge Frage - Im Moment?

Über Vergangenes reden! ... und

natürlich: mich Ihren kritischen

Fragen stellen.

 

... womit wir beim Thema wären.

Ich wollte fragen, wieso Sie

damals erklärt haben ...

 

Sie meinen, neulich, als ich ...

 

Genau. Mich würde nämlich inter-

essieren, ob ... Sie daran glauben.

 

Ja, fürwahr, eine immense Frage ...

 

Meinen Sie?

 

Ja, doch, denn zu dieser Zeit ...

 

... wussten Sie noch nichts davon ...?

 

Doch, schon, allerdings ...

so, wie die Dinge lagen, konnte

keiner ahnen, dass ...

 

... es zu diesem Gespräch kommt?

 

Vielleicht, ja!

 

Darf ich das zitieren?

 

Ich bitte darum, ja, zumal ...

 

Zumal?

 

Die nächste Generation hat ein Recht darauf,

zu erfahren, wie es wirklich war.

 

Das ist wahr.

 

 

3.9.1992, Rothenburg ob der Tauber 

Nicht nur als Kritik an der Haltung der Kirche der DDR zu ihren verflossenen STASI-Kontakten, damals.

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