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VORSCHLAG FÜR DIE VERBESSERUNG DES AUFBAUS DES GOETHE-INSTITUTS (Organigramm Goethe-Institut) DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND DES SCHRIFTLINGSSCHREIBSPRECHERS KLAUSENS
http://www.zeit.de/2006/14/Goethe_Institut?page=all
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© DIE ZEIT 30.03.2006 Nr.14
Weniger Häuser in Europa, mehr Präsenz in der Dritten Welt: Das Goethe-Institut wird reformiert. Die deutsche Kulturarbeit im Ausland wird internationaler und westlicher
Vor ein paar Jahren, als das Goethe-Institut einige seiner Einrichtungen im europäischen Ausland schloss oder zu schließen drohte, löste dies einen Sturm der Empörung aus. Der Unmut damals hatte Gründe, denn die Schließungen waren im Wesentlichen Ad-hoc-Maßnahmen, um Kürzungen der Etatmittel aufzufangen. Die betroffenen Standorte waren teils unklug ausgewählt und wurden einer perplexen Öffentlichkeit gegenüber auch kaum begründet.
Um mit der bitteren Wahrheit gleich herauszurücken: Für die größte deutsche Organisation, die auswärtige Kulturarbeit betreibt, ist die finanzielle Lage seitdem nicht besser geworden, trotz Einsparungen hier und da. Eher noch schlechter. Dabei werden kulturelle Selbstdarstellung und interkulturelle Arbeit immer wichtiger in einer Welt, die sich nach »Kulturen« und Märkten neu sortiert. Aus dem laufenden Betrieb heraus, so die Lehre der letzten Jahre, wird das Goethe-Institut nicht jene Mittel erwirtschaften können, die es benötigt, um seines Dauerdefizits Herr zu werden.
Es geht nicht nur ums Sparen, der Auftritt soll wirksamer werden
Der Unterschied zu damals ist folgender: Inzwischen gibt es Vorüberlegungen für eine umfassende Goethe-Reform, und zwar eine, die nicht nur einen neuen Finanzrahmen absteckt, sondern im besten Fall auch das gesamte System bundesdeutscher Kulturarbeit im Ausland der veränderten Weltlage anpasst. Das klingt nach einem großen Werk. Bei einer Institution, die im Jahr fast 160 Millionen Euro vom Auswärtigen Amt überwiesen bekommt, jahrzehntelang vor sich hin wucherte, eine veritable Bürokratie produzierte, aber bis heute kein zentrales Controlling-System besitzt, die großartige Arbeit vor Ort leistet, sich aber auch in kostspielige Kleinstaktivitäten verzettelt, wird das wohl auch ein Herkules-Werk werden.
Vermutlich ergibt sich nur jetzt unter der Großen Koalition in Berlin die Gelegenheit, das kulturelle Engagement der Bundesrepublik im Ausland noch einmal neu zu konzipieren. Und zwar so, dass eine aus den Erfordernissen der praktischen Arbeit entwickelte sinnvolle Reform nicht mit einer betrieblichen Reorganisation in Konflikt gerät. Das ist die Chance des Goethe-Instituts, es ist seine letzte vor dem Einrücken der Sanierer.
Vielleicht ist auch jetzt erst der Zeitpunkt gekommen, an dem Konsens darüber besteht, dass die weltpolitische Nachkriegsordnung der Vergangenheit angehört, endgültig. Das Goethe-Institut sollte in dieser Ordnung nach 1949 Vertrauen stiften, vor allem unter den alten Kriegsgegnern, andere, bessere Seiten der deutschen Gesellschaft dokumentieren. Das ist jedoch kaum noch nötig, denn trotz Rückschlägen und Erweiterungsakrobatik wächst Europa aus eigener Kraft zusammen. Trotzdem sind noch immer 50 Prozent aller Mittel des Goethe-Instituts in Europa gebunden. Das ist ein Anachronismus. In Italien ist Deutschland mit sieben, in China mit anderthalb Instituten vertreten.
Was den europäischen Raum anlangt, wird man das hässliche Wort »Schließung« künftig vermutlich noch hören. Es gibt inzwischen aber keinen Grund mehr, mit reflexhaftem Lamento darauf zu reagieren. Denn wenn tatsächlich ein politischer Kern in der auswärtigen Kulturpolitik steckt, wird man die vorpolitische Kulturpräsenz der Bundesrepublik vernünftigerweise nach dorthin verlagern, wo Vertrauensbildung nötig und erwünscht ist. Das heißt: Die Institute im Nahen und Mittleren Osten sowie in Asien wird man üppiger ausstatten, die europäischen Institute hingegen werden sich einer Evaluation stellen müssen. Aber Reduzieren muss ja nicht notwendigerweise Schließen bedeuten.
Ein paar Zahlen können die Lage illustrieren. 111,28 Millionen Euro erhielt Goethe 2005 vom Außenamt als Betriebsmittelzuschuss, also für Gehälter, Gebäude, Computer, Verwaltung und so weiter. 46 Millionen kamen als Projektmittel hinzu. Von diesem Geld werden die Kulturprogramme aufgelegt. Bereits in diesem Jahr fällt der Gesamthaushalt um fast fünf Millionen Euro niedriger aus. Aus dem Sprachbetrieb erzielt Goethe Einnahmen etwa in Höhe von 35 Millionen. Doch diese Einnahmen sind kaum zu kalkulieren, 2005 zum Beispiel entsprachen sie keineswegs den Erwartungen. Im kommenden Jahr gibt es wenig Grund, auf Entlastung vom Bund zu hoffen, denn der Bundeshaushalt 2007 wird den Maastrich-Kriterien genügen müssen. Schon für dieses Jahr klaffte bei Goethe eine Deckungslücke in Höhe von 11,8 Millionen. Davon gleicht das Institut durch Sparanstrengungen sieben Millionen aus. Bleibt ein echtes Defizit von 4,7 Millionen.
Stolze Immobilien vor Ort sind noch kein Programm
Um diesen Fehlbetrag werden ausgerechnet die Projektmittel gekürzt. Goethe ist auf dem Weg zu einer Organisation, die zwar Gehälter zahlt, aber kaum noch Kulturarbeit macht. Das Institut in New York verfügt über eine Immobilie, die mehr als zwanzig Millionen Euro wert ist. Für Programme stehen in New York ganze 30000 Euro zur Verfügung. Absurd. Das jährliche Defizit wird eher an- denn abschwellen. Es ist strukturell, es resultiert aus Mieten, Honoraren, Transportkosten, vor allem den Tarifverträgen des öffentlichen Dienstes. Das sind Faktoren, die kaum beeinflussbar sind. Im Jahr 2010 wird dieses strukturelle Defizit, wenn niemand eingreift, auf etwa dreißig Millionen Euro angewachsen sein.
Um dem Goethe-Institut ein besseres Wirtschaften zu ermöglichen, stellt das Auswärtige Amt regionenweise von starrer Kameralistik auf Budgetierung um. Statt jede Ausgabe abrechnen zu müssen, steht dann ein Festbetrag zur Verfügung, mit dem eigenverantwortlich gearbeitet wird. Die Bereiche Nordamerika sowie Mittel- und Osteuropa können so bereits flexibler wirtschaften, und in zwei Jahren könnte es das gesamte Goethe-Institut: eine kleine Revolution. Das funktioniert aber nur, wenn zuvor klare finanzielle und inhaltliche Ziele mit dem Auswärtigen Amt vereinbart wurden. Mittlerorganisation und Ministerium rücken näher aneinander.
Der unkündbare Goethe-Generalist im Ausland, der als Diplomat, Szene-Scout, Zirkusdirektor, Kunstkenner und Oberbibliothekar arbeitet, gehört wohl der Vergangenheit an. Spezialisten mit Zeitverträgen werden das Bild künftig stärker prägen. Und warum nicht, Ressourcen sollen ja punktgenauer und kurzfristiger eingesetzt werden. Die Struktur der auswärtigen Kulturarbeit insgesamt wird reagibler. Die Ressourcen gehören dorthin, wo auswärtige Kulturarbeit nötig ist. Konfliktlinien ändern sich in der Welt schnell, aber es sollte dem Goethe-Institut möglich sein, sich innerhalb von drei bis vier Jahren auf neue geografische und kulturelle Schwerpunkte einzustellen.
Nicht überall muss Goethe mit einem eigenen »Drei-Sparten-Haus« vertreten sein, mit Kultur, Bibliothek und Sprachkursen. Das kulturelle Angebot muss auch nicht immer das Gütesiegel »Deutsche Kulturnation« tragen, viel wichtiger sind in Zukunft Kooperationen mit der lokalen Kulturszene. Und wieso soll sich die obligate Künstlerlandverschickung immer nur aus der heiligen Familie der Hochkultur rekrutieren? Man könnte ja auch stärker auf die Bedürfnisse des ausländischen Publikums hören, und wenn das erfolgreich ist, würde sogar für das Goethe-Institut etwas dabei herausspringen. Auch kommerziellere Kooperationen sind immerhin denkbar.
Ohnehin wird Goethe im Konzert mit dem British Council oder dem Maison Française von außen eher als »europäisch« wahrgenommen, wenn nicht als »westlich«. Und wo es tatsächlich als deutsche Einrichtung in einem Land einen politischen Freiraum oder eine Gegenöffentlichkeit garantiert, wie es in den vergangenen 30 Jahren nicht selten der Fall war, sei es in Ostmitteleuropa, in einigen Staaten Afrikas, in Indien oder Thailand, da wird man das Drei-Sparten-Ensemble selbstverständlich unangetastet lassen. Ebenso wie in den Flaggschiffen São Paulo, Delhi, Singapur, Peking oder Kairo. Ziel ist ja, auch dort, wo es die Außenpolitik schwer hat, den Gesprächsfaden fortzuführen, derzeit beispielsweise in Teheran.
Die strukturellen Probleme des Goethe-Instituts sind nicht neu. Immer wieder hatte es Versuche gegeben, seine Arbeit zu modernisieren. Eine Zeit lang hatte der etwas mechanische Gedanke Konjunktur, Menschen durch Bildschirme zu ersetzen und Kulturarbeit als Internet-Auftritt vonstatten gehen zu lassen. Glücklicherweise ist man von dieser Idee wieder abgekommen. Es wäre fatal, die jetzige Generation von Institutsleitern im Ausland zu einem personalpolitischen »Problem« zu erklären. Wenn die auswärtige Kulturarbeit neu ausgerichtet wird, ist diese Generation unverzichtbar. Denn sie ist es, die neue, bisher nicht bei Goethe tätige Mitarbeiter – Künstler, Veranstalter, Scouts – mit ihrer Arbeit vertraut macht. Die Institutsleiter werden den Strukturwandel mit tragen, und sie davon zu überzeugen, dass dies richtig sei, ist Aufgabe ihres Generalsekretärs Hans-Georg Knopp.
Auf den Prüfstand gehört vielmehr das Ausbildungsprogramm, das sich Goethe leistet, um den eigenen Nachwuchs zu sichern. Innerhalb einer beweglicheren Organisation ist personalpolitische Autarkie ebenfalls anachronistisch. Wichtiger wäre, Sachverstand von außen für die auswärtige Kulturarbeit zu begeistern, auf Kenntnisse und Talente zurückgreifen zu können, die in die Routinen des Instituts keinen Eingang mehr finden.
Bisher ist dieses Reformtableau nur Konzept. Im Mai sollen erste praktische Schritte zur Umsetzung beschlossen werden. In einer Zeit, in der politische Konflikte wieder kulturell gedeutet werden, wird dem Goethe-Institut Gewicht zuwachsen. Denn Kulturarbeit wird im Gegenzug auch politischer verstanden werden. Wenn es etwas mehr Netzwerk als Amt ist, erhöht sich der Steuerungsbedarf. Und deswegen gehört es im Grunde mittelfristig auch in die Nähe seines Auftraggebers nach Berlin. Kooperationen mit dem Berliner Haus der Kulturen wären ohnehin sinnvoll. Der geistige Austausch mit der Hauptstadt würde Goethe gut tun.
© DIE ZEIT 30.03.2006 Nr.14
Kommentare
Kultur
ERSCHÜTTERND klausens -
Das hatten wir alles doch schon! Es waren der Frustrationen schon
tausende! Und nun? Neue Frustrationen! Warum?
Dass dieses "Spiel" der Tabellen, des Controlling, der Kürzungen, der
"Pläne" ... und der Wort- und Zahlenerbserei nun weiter- und weitergehen
soll! Unglaublich! Als ob es nicht schon genug gewesen wäre!
Dass die Gelder immer mehr gekürzt werden, ist gewiss nicht die Schuld
des Goethe-Instituts. (Vielleicht indirekt, weil man sich in der
Öffentlichkeit als zu schwachlobbyistisch erweist.) Aber: Welche Lawine
von Sitzungen, Plänen und Vorlagen nun aber wieder in Gang gesetzt werden
wird, wie die MitarbeiterInnen dann verunsichert werden, das kann man
einfach nicht fassen !!!
Es höret offenbar nimmer auf! Dauer"reform" als DAS politische Mittel, um
eine Organisation vollständig von innen heraus zu zerschlagen ... und
alle klugen Leute innerhalb der Organisation zum resignativen Schweigen
zu erziehen.
Eine ganze Gilde von glücklichen und selbsternannten "Planwirtschaftlern"
innerhalb des GI, die teilweise Staatsbürokratismus mit der Muttermilch
getrunken zu haben scheinen, wacht nun wieder auf und reibt sich
frohlockend die Hände.
Regionalkonferenzen wird es geben, Sondersitzungen. Alle sind ja jetzt
sooooooo wichtig. Es darf wieder über diese Sinnlosigkeiten schwadroniert
werden, Treffen um Treffen lang - Kultur und Sprache bleiben aber
inhaltlich bald ganz auf der Strecke. Aber Protokoll um Protokoll wird
das alles an Irrsinn schön brav mitgeschrieben. Eine neue Kultur wird da
geboren. Das Deutsche zeigt sich interkulturell wohl am allerbesten als
"Plan und Wahn" in perfekter Kombination.
Ach je!
Tausende von Mitarbeitern/-innen werden aber nun wieder mit
Falschmeldungen, Voreiligkeiten, schlechten Grund-Überlegungen,
Dilettantismus und angedrohten Schließungen verunsichert.
Nervenkostüme werden zerrüttet, Tränen wird es geben, wie schon so oft
... und diese grauslichen Reformlober werden propagandistisch mit
vermeintlich tollen blühenden "Landschaften" der nächsten (hundertsten?)
Goethe-Moderne umherziehen.
Ich finde das über alle Maßen tragisch - und kann nicht verstehen, dass
es so weiter- und weitergeht ... seit Jahren ... und dass so Arbeitszeit
sinnlos gebunden wird, über Jahre, und zugleich die Motivation toller
Menschen im Goethe-Institut wieder und wieder vernichtet wird.
Jammer, Jammer: Man kann den Künstlern/-innen und männlichen sowie
weiblichen Intellektuellen nur raten, sich der gemeinschaftlichen
Maschinerie von AA,Finanzministerium und einigen "Goethokraten" (also den
Leuten IM Hause, die das auch noch gut finden - eine Minderheit!) mit
großer Vorsicht zu nähern. Das Einzige, was dort im GI-Bürokratismus
wartet, ist der Geist von Kafka im Falschen.
Und allen wirklich "etwas bewegen wollenden" Kollegen und Kolleginnen sei
hier ein wahrer, herzlicher Gruß gesandt ... und die alte, immer wieder
wahre Satzgebung: "Denn sie wissen nicht, was sie tun!"
Nicht jeder kann kündigen, ich weiß.
Klau|s|ens, Weltling und Hinterweltling
----------------------------------------
WO DIE TABELLE RUFT
DA LASS' DICH RUHIG
NIEDER DENN PLANEND
VERGEHEN ALLE LIEDER
© Klau|s|ens
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Klau's'ens=Klau(s)ens=Klausens=Klau|s|ens
http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/626/120474/
Wenn
sich an diesem Donnerstag das Präsidium des Goethe-Institutes in
München trifft, wird es das in Gesellschaft von Unternehmensberatern
tun: Zwei Angestellte der Firma McKinsey werden eine
PowerPoint-Präsentation vorführen. Das Logo ,,goethe09‘‘ wird über den
Köpfen der Präsidiumsmitglieder aufleuchten, danach wird von einer
,,Neuaufstellung der Zentrale‘‘ die Rede ein.
Nebenan werden
sich die Angestellten zu einer Betriebsversammlung treffen und sich
gegen eine Entscheidung zu wehren versuchen, die aller Voraussicht nach
etwa hundert Mitarbeiter die Stelle kosten wird. Und wenn sich der
Arbeitstag seinem Ende zuneigt, nach Beratung des Programmpunkts
,,Stabsabteilung Institutsentwicklung‘‘, wird eine Entscheidung fallen,
die das Goethe-Institut, die größte Organisation zur Vermittlung
deutscher Kultur im Ausland, wird sehr verändern können: weg von der
Institution, hin zu einem Kulturunternehmen.
Als vor gut einem
Jahr das Goethe-Institut in Kopenhagen verkleinert und um Bibliothek
und Veranstaltungssaal gebracht wurde - um die beiden Einrichtungen
also, die eine Agentur für ausländische Kultur in eine feste
Einrichtung der jeweiligen lokalen Kultur verwandeln - , formierte sich
auch im Inland heftiger Widerstand gegen diese Entscheidung. Es
erschien offensichtlich, dass hier eine überaus erfolgreiche
Institution um einer geringen, überdies zweifelhaften Ersparnis willen
um die Grundlagen ihrer Existenz gebracht wurde.
Die
öffentliche Debatte zeitigte überraschende Ergebnisse: vor allem das
Reformprogramm zur auswärtigen Kulturarbeit, das im Herbst 2006 von
allen Parteien des Bundestags verabschiedet wurde und die Arbeit des
Goethe-Institutes inhaltlich neu begründete. Nach jahrelangem Gerede
über ,,public diplomacy‘‘ und Exportförderung durch Kultur ist nun
endlich wieder von der Kultur selbst die Rede, vom Umgang mit der
Tradition und von der Bedeutung eines langfristigen Engagements.
Was
haben dagegen die beiden jungen Leute von der Firma McKinsey zu bieten,
die seit Februar in Hunderten von Gesprächen den Ehrgeiz und die
Enttäuschung einzelner Mitarbeiter abschöpften, um die Resultate von
unzähligen Indiskretionen jetzt als ,,strategische Ziele‘‘ und
,,Reformkonzepte‘‘ auf die Leinwand projizieren zu können?
Wenig
mehr als das übliche, scheinbar marktwirtschaftliche Gequassel von
,,Handlungsfähigkeit‘‘, ,,Zukunftssicherung‘‘ und ,,Aufgabenprofilen‘‘,
mit dem ansonsten auch Hersteller von Schaltschränken oder
Bäckereiketten traktiert werden. Wobei im Fall des Goethe-Instituts
allerdings die Konsequenzen ungleich radikaler ausfallen, weil es sich
bei diesem Unternehmen eben nicht um einen Wirtschaftsbetrieb handelt.
Denn der Vorsatz, die Zentrale von rund dreihundert auf
zweihundertunddreißig Mitarbeiter zu reduzieren und bei den heute 289
Entsandten mindestens fünfzig einzusparen, zielt nicht nur auf mehr
Effizienz - dagegen wäre ja nichts einzuwenden. Sondern er wird auch
einen anderen, oberflächlich ergebnisorientierten Begriff von Kultur
zur Folge haben.
,,Dezentralisierung‘‘
und ,,Regionalisierung‘‘ lauten die beiden Schlagworte, unter denen das
Goethe-Institut einer anderen Kultur dienen will als derjenigen, für
die es nun fast sechzig Jahre stand. Sie bedeuten praktisch: Die
Zentrale, jetzt ,,Steuerungs- und Serviceeinheit‘‘ genannt, soll sich
auf die Koordination, Beratung und Evaluation der Kulturarbeit im
Ausland beschränken, während die eigentliche Arbeit an den
ausländischen Einsatzorten geleistet wird. Weil aber auch dafür weniger
Angestellte, ,,Entsandte‘‘ in der Terminologie des Goethe-Instituts,
zur Verfügung stehen, verlagert sich deren Engagement auf das
Initiieren und Betreuen von ,,Projekten‘‘, während die kontinuierlich
wahrzunehmenden Aufgabe in weit höherem Maße als bisher von Ortskräften
wahrgenommen werden. Anders gesagt: Das Goethe-Institut wird fortan,
will es tatsächlich diesen Vorgaben folgen, vor allem auf das Ereignis,
das ,,event‘‘, als die wichtigste Leistung deutscher Kulturarbeit im
Ausland setzen müssen.
Als drittes zentrales Element kommt in
der Entscheidungsvorlage der Firma McKinsey die ,,Budgetierung‘‘ hinzu:
die Institute im Ausland sollen über das ihnen zur Verfügung gestellte
Geld nach eigenem Gutdünken verfügen können. Das sieht nach mehr
Freiheit aus - und ist es auch, am Anfang wenigstens. Doch ist mit der
Budgetierung auch eine substantiell erweiterte Pflicht zur Rechenschaft
verbunden: Der Erfolg jeder einzelnen Maßnahme muss streng
betriebswirtschaftlich nachgewiesen werden. Das bedeutet nicht nur mehr
Bürokratie, sondern liefert die Kulturarbeit kulturfernen Kriterien
aus. Und im Zweifelsfall werden Zeitungsartikel, Radiosendung oder
Publikationen beweisen müssen, dass eine Veranstaltung ein Erfolg
gewesen ist.
Einen
Vorgeschmack auf die Zukunft gaben Festival und Kongreß ,,Die Macht der
Sprache‘‘ Anfang Juni in Berlin: Dutzende von Vorträgen, Darbietungen,
Ausstellungen zu einem diffus bleibenden, viel zu groß gefassten
Gegenstand, über den wenig Neues gesagt, der allenfalls in einzelnen
Momenten illustriert wurde. Mehr als fünfhunderttausend Euro wurden
hier für eine Veranstaltung ausgegeben, die allenfalls der
Selbstinszenierung des Goethe-Instituts diente sowie der Publikation
ewig ungelesen bleibender Sammelbände.
Als das Goethe-Institut
nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen wurde, gab man ihm die Rechtsform
eines Vereins, um - in Entgegensetzung zur Staatskultur des ,,Dritten
Reiches‘‘ wie der DDR - die Unabhängigkeit einer tolerant, weltläufig
und demokratisch gewordenen deutschen Kultur von der Macht Gestalt zu
verleihen. Realisiert aber wurde diese Selbständigkeit in Analogie zu
den Einrichtungen des Auswärtigen Amtes: Jedes Goethe-Institut im
Ausland ist auch eine Botschaft, und so wenig wie eine Botschaft kann
man die auswärtige Kulturarbeit auf ,,Projekte‘‘ umstellen. Denn sie
setzt Beständigkeit voraus, Kontinuität, Berechenbarkeit,
Verlässlichkeit und, nicht zuletzt, Großzügigkeit.
Ein
Goethe-Institut im Ausland ist eine Bildungseinrichtung, eine Art
Schule, und es braucht nicht nur Zeit, sie in der Umgebung einer
anderen Kultur zu verankern, man benötigt dafür auch eine Bibliothek
und eine Saal. Aus denselben Gründen bedarf es einer Zentrale, die weit
mehr ist als eine ,,Service-Einheit‘‘ - denn die Zentrale ist nicht die
Putzfrau, sondern die Mutter aller Institute. Sie schafft und pflegt
die enge Bindung an die einheimische Kultur, die eine erfolgreiche
Arbeit im Ausland erst möglich macht.
Das
Gegenteil von Beständigkeit ist die permanente Bewegung. Ihr dient das
,,Projekt‘‘. Das Gesetz der permanenten Bewegung ist eine offene
Einladung an den Narren, sich mit seinen Einfällen in einer Einrichtung
breitzumachen, die bis zu seinem Eintreffen eine Institution allenfalls
war, sich jetzt aber in seine Bühne verwandelt - und wenn er wieder
gegangen, wenn der Vorhang gefallen und der Kongress vorbei ist, dann
findet, wo vordem weiter gelesen, gesehen und geredet wurde, nichts
mehr statt.
Was sich die Firma McKinsey und ihre Auftraggeber
zur ,,Zukunftssicherung‘‘ des Goethe-Instituts ausgedacht haben, von
der ,,operativen Autonomie‘‘ bis zur ,,Kundenorientierung‘‘ läuft auf
eine Art Mimikry mit dem Schmock der allgemeinen Antragsprosa, wenn
nicht gleich auf die Übergabe der auswärtigen Kulturarbeit an die
Herrschaft des Narren hinaus - und man müsste wahrlich selber einer
sein, um sich von ihm die Salvierung einer Kulturinstitution zu
erwarten.
Dabei sieht es gegenwärtig so aus, als hätte das
Außenministern, allen voran Frank-Walter Steinmeier selbst, ein neues
Interesse an der auswärtigen Kulturarbeit gefasst. Das Reformprogramm
aus dem vergangenen Herbst ist eine inhaltliche Definition der
auswärtigen Kulturarbeit, mit der sich arbeiten lässt.
Zum
ersten Mal seit über zehn Jahren ist nicht nur vom Sparen die Rede, zum
ersten Mal steht eine Erweiterung des Budgets von gegenwärtig knapp
dreihundert Millionen Euro in Aussicht - nachdem noch im vergangenen
Herbst damit kalkuliert werden musste, bis zu einem Drittel der gut 120
Institute im Ausland des fehlenden Geldes wegen zu schließen. Wenn man
allerdings so weit ist - und das Goethe-Institut nicht ruinieren,
sondern fördern will -, dann sollte man auch den zweiten Schritt tun
und über die innere Organisation des Goethe-Instituts nicht nur in Form
einer trivialisierten Betriebswirtschaft, sondern auch in kulturellen
Kategorien nachdenken.
KOMMENTAR vom 27.06.2007 18:59:32
klausens: Oh Goethe Friss
© Klau|s|ens
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http://klausens.blogg.de/eintrag.php?id=534 klau|s|ens und mckinsey und das goethe-institut - www.klausens.comhttp://klausens.blogg.de/eintrag.php?id=535 klau|s|ens macht kunstwerk zum goethe-institut - www.klausens.comhttp://klausens.blogg.de/eintrag.php?id=536 klau|s|ens macht protestkunst gegen politik im goethe-institut - www.klausens.comhttp://klausens.blogg.de/eintrag.php?id=537klau|s|ens pro-goethe-anti-kunst des EXCELNs geht weiter - www.klausens.comhttp://klausens.blogg.de/eintrag.php?id=538klau|s|ens kämpft weiter gegen goethe-planokratie - www.klausens.comhttp://klausens.blogg.de/eintrag.php?id=758 klau|s|ens zum wechsel beim goethe-institut (lehmann / limbach) - www.klausens.comZUVOR: klau|s|ens
kennt das goethe-institut - www.klausens.com
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